Sookee – Lila Samt

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Sookee ist momentan vermutlich die bekannteste Rapperin Deutschlands. Mit „Lila Samt“ hat sie vor zwei Wochen bereits ihr siebtes Album veröffentlicht. Und das hört man.
Sowohl technisch, als auch inhaltlich ist sie dem Durchschnittsrapper meilenweit überlegen. Warum?

Weil sie Flowvariationen noch und nöcher im Gepäck hat. Weil sie Dinge anspricht, an denen der (deutsche) Hip-Hop derzeit erkrankt ist. Weil sie ein sicheres Händchen beim Beatpicken beweist. Weil sie sauber und on beat rappt. Und weil sie sich nicht scheut, ihre Künstlerkollegen direkt den Spiegel vorzuhalten.

Warum braucht Rap das? Hip-Hop kommt von unten, Hip-Hop war schon immer das Sprachrohr der Benachteiligten. Somit hat er wie kein anderes Genre das Potenzial, Themen zu problematisieren, in den Fokus zu rücken und schlussendlich womöglich sogar zu verändern. Paradoxerweise wird Hip-Hop aber auch als Mittel zur Unterdrückung anderer Menschen benutzt. Sei es zur Diskriminierung von Homosexuellen, Frauen, Menschen bestimmten ethnischen Ursprungs, oder auch zur Manifestierung bestimmter gesellschaftlicher Umstände, die die soziale Ungleichheit dieser Menschen aufrecht erhalten.

Inwiefern geschieht dies? Natürlich ist die Hip-Hop-Szene keine politische Organisation oder gar Partei, die konkret Dinge fordert. Trotzdem gestalten wir alle mit unserem Verhalten und unserer Sprache soziale Realität. Ohne zu stark in die Soziologie abgleiten zu wollen, möchte ich das mit einem simplen Gedanken veranschaulichen: Obwohl die Beats natürlich eine wichtige Rolle einnehmen, liegt der Fokus im Hip-Hop doch klar auf dem Text. Er wird als Ventil betrachtet. Dem angestauten Ärger kann Luft gemacht werden. Ihm wird eine außergewöhnliche Relevanz beigemessen, er wird geschätzt und Rapper*innen, die Sinnlosigkeiten aneinanderreihen, werden des Zweckreimmassakers bezichtigt. Gleichzeitig wird bei diskriminierenden Textstellen sofort darauf verwiesen, dass es doch nur Rap sei. Das ist ein Widerspruch in sich. Die Dinge stärker zu gewichten, die einem selbst in den Kram passen und gleichzeitig die Stellen als Quatsch abzutun, die andere Menschen verletzten könnten, ist nicht konsequent.

Eins sollte schon hier festgestellt werden: Es soll keine Sprachpolizei eingeführt werden („Ich bin nicht die BPjM“, in „Vorläufiger Abschiedsbrief“). Das Einzige, was gefordert wird, ist (vereinfacht gesagt), dass sich jede*r auf einem Rap-Event wohlfühlen kann (und im Großen natürlich auch in der Gesellschaft). Steht beispielsweise eine homosexuelle Person bei einem Battle im Publikum und hört sich den ganzen Abend an, wie sich die Kontrahent*innen gegenseitig als „Schwuchtel“ oder „Tunte“ bezeichnen und Punches darin bestehen, dass der Gegner in irgendeiner Weise mit Männern verkehrt, wird die Lebensform dieses Menschen als beleidigendes Element verwendet. Kurzes Gedankenspiel: Würde ein Rapper im Battle des Verkehrs mit einer Frau bezichtigt, käme das niemals als Punchline durch. Dahinter steckt letztendlich, dass ein homo- oder bisexuelles Lebensentwurf als weniger erstrebenswert als das heterosexuelle Modell eingestuft wird und darum als Beleidigung eingesetzt werden kann.

Wenn man dies anprangert, geht es erstmal nicht darum, alle als bewusst homophob, sexistisch, rassistisch oder was auch immer hinzustellen. Meiner Meinung nach gibt es Rapper*innen, die ganz genau wissen, was sie von sich geben und andere, denen die Dimension ihrer Worte nicht bewusst ist. Letztere halte ich für die größere Gruppe.

Hier kann nun der Bogen zu Sookees „Lila Samt“ geschlagen werden. Das Album ist ein musikalisches Manifest des Feminismus und nimmt Kritiker*innen den Wind aus den Segeln, die behaupten, dass Feminist*innen sich nur für Vorteile von Frauen einsetzen und somit gegen Männer arbeiten würden. Es gibt Strömungen, denen man das vorwerfen könnte. Im modernen Feminismus geht es hingegen zumeist um eine völlige Gleichstellung. Für alle. Damit werden nicht nur Frauen Türen geöffnet, sondern auch Männern, weil auch sie von starren heteronormativen Standards betroffen sind. Sookee ist wichtig, weil sie genau das betont – ohne sich an die Leute, die sie kritisiert, anzubiedern. Hört an dieser Stelle: „If I Had A“ (u.a. „Maskulisten wollen Männer ändern“).

Sie spricht an, dass es keine Kardinallösung für das ganze Kuddelmuddel gibt (u.a. „Wenngleich Zuweilen“ mit Amewu). Logisch, denn wo ist nun die Grenze zu ziehen? Wo endet der persönliche Diss und wo fängt Diskriminierung an? Da vermutlich jede*r eine andere Schmerzgrenze hat, möchte ich mir nicht anmaßen, diese Frage zu beantworten. Die Sprache soll nicht bereinigt, sondern sensibilisiert werden. Das wäre ein Anfang.

Sozialisation darf keine Entschuldigung mehr sein. Sie trägt zu bestimmten Meinungen, Gedanken usw. bei – klar. Sie ist aber keine Rechtfertigung für Ignoranz und Sturheit, wenn man die Möglichkeit hat, seine Meinung zu überdenken, z.B. durch Diskussionen oder Diskurse im Allgemeinen („Vorläufiger Abschiedsbrief“).

Ich möchte das Album nun nicht komplett Track by Track zerpflücken. Hört es euch einfach an. Für mich ist es eines der wichtigsten Releases in diesem Jahr, weil es nach Hip-Hop klingt – und irgendwie auch nicht. In Sachen Sound, Vocals, Beats wird hier jede*r Spaß haben, der/die Bock auf Hip-Hop hat. Wer darüber hinaus noch gerne nachdenkt und sich Themen widmen möchte, die im deutschen Rap bislang eher selten angesprochen wurden, wird einen Kauf auch nicht bereuen. Worum es für mich auf dieser Platte geht, habe ich versucht, zusammenzufassen. Jetzt könnt ihr euch selbst ein Bild machen.

5/5

2 Kommentare

  1. Schöner Text!

    Ich kenne dieses Album von Sookee nicht, weiß aber, dass sie eine der Personen ist, die Rap primär als Instrument zur Gedankenverbreitung benutzen und begrüße das sehr. Ich habe den Anschein, dass sie sich im Gegensatz zu manch anderen MC’s kein massentaugliches Thema aus den Fingern saugt, um dann mit peinlichen Plattitüden ihren Standpunkt lautstark zu vertreten und sich dabei 16 Mal in 16 Bars widerspricht. Da ich das Album nicht kenne, würde ich gerne zu anderen Themen Stellung beziehen.

    Ich glaube nicht das Hip Hop benützt wird, um andere Menschen zu unterdrücken! Dieses Thema der Homophobie zum Beispiel wird ja sehr gerne in die Schuhe des Hip Hops (wahrscheinlich von Nike) geschoben, ist meiner Ansicht nach aber viel eher eines der Allgemeinheit. Das bestimmte Begriffe wie „schwul“ oder „behindert“ von der ursprünglichen Bedeutung abweichen und negativiert werden liegt nicht in der Schuld der Hip Hop Kultur, was nicht heißt, dass es diese dort nicht zu finden gibt. Man sagt ja gerne, Rap ist das Spiegelbild der Gesellschaft, wenn ein Bushido also in seinen Texten eine Frau schlägt, liegt das Problem tiefer, und zwar in der Sozialisierung einer solchen Person. Rap macht ihn nicht frauenfeindlich, Rap ist lediglich das Portal, seine Frauenfeindlichkeit zum Ausdruck zu bringen.

    „Hip-Hop kommt von unten, Hip-Hop war schon immer das Sprachrohr der Benachteiligten.“
    Gebe ich dir Recht! War schon immer, ist heute aber Mehr und muss dementsprechend auch in den Kontext gesetzt werden. Rap hat sich in der Unterhaltungsbranche etabliert und muss teilweise mit einem Augenzwinkern gesehen werden. Und da sind wir bei „Ist doch nur Rap“ ;)! Rap legitimiert meiner Ansicht nach auch keine Aussagen. Es gibt eine Grenze, und die wird auch (leider) oft überschritten, aber hier muss der Einfluss zu einer solchen Tat erörtert werden, und der liegt meiner Meinung nach nicht die Kultur, die Liebe und Respekt propagiert.

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