Reviews

DCVDNS – D.W.I.S.

 

330132Erstveröffentlichung: 20. September 2013
Label: Distributionz
Format: CD/Download

Der härteste Gangster des Rap-Biz ist back! DCVDNS, seines Zeichen der Coole von der neuen Schule, steht seit seinem Debütalbum Brille für real gebliebenen Gangstershit. Zahlreiche Vorstrafen und Mafiaconnections sprechen für sich.

Brille war damals schon ein ziemlich gutes Album – entsprechend hoch die Erwartungen. Die Promomaschine wurde auch ordentlich angeworfen. So konnte man bei Amazon eine Limited Edition des neuen Albums mit dem Titel D.W.I.S. (aka Der Wolf im Schafspelz) erwerben, welche sich durch die Verpackung, eine Holzbox, auszeichnete.

DCVDNS ist vermutlich auch der einzige Rapper, der sein Intro durch ein Intro (durch ein Intro durch ein Intro durch ein Intro) einleitet. Und Intro vom Intro macht gleich ziemlich deutlich, wohin die Reise gehen soll: ins kleine Wunderland der guten Musik. Intro setzt diesen guten Eindruck nahtlos fort. Dass DCVDNS eigentlich alle anderen Rapper körperlich angreifen möchte, wie er in diesem Song proklamiert, überrascht mich nicht. German Choppers gefällt mir nicht sooo gut. Mit der Meinung scheine ich alleine da zu stehen. Auf Spotify ist der Song momentan der zweitmeistgespielte (cooles Wort) des Albums. Hinter Eigentlich wollte Nate Dogg die Hook singen. Mit diesem Track konnte DCVDNS beim Bundesvision Song Contest einen respektablen Platz erreichen. Das hatte ich nicht erwartet, weil seine maximale Brutalität eigentlich nicht unbedingt dem Gusto der Mitte der Gesellschaft entspricht – dachte ich. Da habe ich mich wohl getäuscht. Wir Reiten ein mit Morlockk Dilemma ist allein schon wegen dieses legendären Beats einer der besten Songs des Albums. „Die Stimmung im Keller, denn Kay One legt dort unten auf“. Das erklärt einiges. Auch Atelier ist cool, aber richtig stark wird er dann bei Kein Gee. Das ist DCVDNS-Style par excellence. Ich sage nicht Ich liebe Dich hingegen ist für mich der schwächste Track. Nicht nur, weil ich den Text blöd finde. Insgesamt geht er einfach da rein, da raus. Frankfurter Zoo bleibt da schon besser hängen. Darin erzählt er, wie er einen Drogendeal mit Celo & Abdi abwickelt – oder eben auch nicht. Das dazugehörige Video, das heute erschienen ist, macht den Song sogar noch besser. Wisst ihr noch? ist ein sympathischer Gruß an alle Freunde und Helfer da draußen aka die Polizei aka die Bullerei. ACABDNS. Ab hier wird D.W.I.S. leider schwächer. Der Titeltrack gefällt noch ganz gut, aber VapoD.C.V.D.N.A. und Warum gefallen mir weniger. Vor allem bei D.C.V.D.N.A. fand ich das schade, weil ich mir bei einem Genetikk-Feature mehr versprochen habe. Das Outro ist allerdings wieder großartig. Er erzählt frei Schnauze, dass er sich die Features gar nicht angehört hätte. Musste er auch nicht, denn die waren allesamt in Ordnung (trotz eingestreuter Wie-Vergleiche).

D.W.I.S. besticht vor allem durch seine extrem geilen Beats. Die sind durch die Bank weg fett, vor allem gilt das aber für das Intro und Wir reiten ein. Dass DCVDNS außerdem über eine großartige Technik verfügt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Einzig seine Stimmfarbe und der stellenweise monotone Flow stören mich etwas. Im Vergleich zu Brille ist D.W.I.S. aber sehr viel hörbarer.

4/5

Casper – Hinterland

Hinterland_-_CoverErstveröffentlichung: 27. September 2013
Label: Four Music
Format: CD/Download

Letzten Freitag kam nun also das vermutlich meisterwartete Deutschrap-Album des Jahres 2013 raus. Da finanzieller Notstand herrscht, konnte ich es (bisher) nicht käuflich erwerben und bin daher auf Spotify ausgewichen (natürlich nicht die Freeversion, weil die nur was für so richtig fiese Typen ist).

Im Ascheregen und Hinterland haben im Vorfeld schon einige Erwartungen geschürt – auch bei mir. Ich hatte gehofft, dass die Auskopplungen den Sound des Albums widerspiegeln. Nun, dem ist nicht ganz so.

Die beiden Songs sind auch die ersten Tracks auf der Platte und bieten einen wunderbaren Einstieg in das Album. Im Ascheregen geht schön nach vorne. Die Zitation der verbotenen Slime-Verse in der Bridge finde ich etwas kindlich-rebellisch – nicht unsympathisch, aber ich singe an dieser Stelle nicht ohne Schamesröte mit. Kann ich aber drüber hinwegsehen.

Hinterland schlägt leisere Töne an. Seeeehr folkig. Gefällt. Ich habe ja schon vor einiger Zeit meinen Senf zum dazugehörigen Video abgegeben, darum verzichte ich an dieser Stelle auf weitere ausufernde Kommentare. Getreu dem Motto des vierten Songs …nach der Demo ging’s bergab geht es nach Hinterland bergab. Und zwar steil. Alles endet (aber nie die Musik) und eben der Demo-Song sind für mich das große Fragezeichen der Platte. Vielleicht muss ich hier noch ein paar Hördurchgänge einlegen, aber jetzt flasht mich das einfach mal gar nicht. Ein bisschen lyrischer Einheitsbrei. Näää, lass mal. Glücklicherweise (!) war die Talfahrt aber nur von kurzer Dauer, denn das folgende 20qm ist wunderwunderwunderbar. Das ist der Soundtrack zum Auseinanderleben. Wenn ihr also eine Trennung plant, packt euch das auf den MP3-Player. Es wird euch helfen. Versprochen. Lux Lisbon ist ebenso toll. Irgendwie scheint Lissabon ja gerade hoch im Kurs zu stehen (auch auf „Blausicht“ von Gerard wird auf diese Stadt Bezug genommen). Thematisch wird hier an 20qm angeschlossen. Freund*innen des gepflegten Indie-Rocks werden hier allein schon wegen des Featuregasts beglückt, denn Tom Smith (!) von den Editors (!) gibt sich die fucking Ehre. Das war mir vor dem Release gar nicht bewusst. Beim ersten Hören war ich um so überraschter, als ich seine tolle Stimme vernahm. Keine Ahnung, wie das zustande gekommen ist, aber es passt. Das hätte ich auch nicht unbedingt erwartet. Ariel ist dann wieder etwas gediegener. Ruhig. Nicht langweilig, aber auch nicht bombastisch. Die Hook nervt mich leider etwas, aber der Beat ist gelungen – vor allem die Bass-Line. Es folgt Ganz schön okay mit Kraftklub. Dass deren Sänger nicht der begnadetste Rapper ist, hat er schon mehrfach unter Beweis gestellt, aber hier macht er seine Sache gut. Schade, dass der Song erst jetzt im Herbst das Licht der Welt erblickt, denn eigentlich ist er perfekt zum „mit Freunden im Sommer in den Park setzen und einen trinken, während die Sonne untergeht“. La Rue Morgue schlägt ganz andere Töne an. Klingt nach alter amerikanischen Bar-Musik. Ich stelle mir einen verrauchten Salon vor, in dem Casper auf dem Flügel sitzt, während ein Pianist spielt und Whiskey trinkt. Ich bin mir sicher, dass so auch die Umstände der Aufnahme des Songs waren. Toller Song, aber irgendwie beschleicht mich das Gefühl, man hätte hier noch mehr herauskitzeln können, beispielsweise durch ein volleres Arrangement in der Hook. Aber jetzt wollen wir mal nicht kleinlich werden…

Jambalaya ist eigentlich Casper Bumayé, gehüllt in den neuen Casper-Stil. Cool. Auch die Chöre im Hintergrund. Endlich angekommen bildet den Abschluss des Albums, wobei ich diesbezüglich vor allem den Songtitel schön finde. Der Song hingegen gehört für meinen Geschmack zu den schwächeren der Platte – ohne freilich schlecht zu sein.

Was lässt sich nun insgesamt sagen? Nun, ich habe ein Überalbum erwartet. Der Rummel war vor dem Release relativ groß und davon habe ich mich anstecken lassen. So monumental ist „Hinterland“ sicherlich nicht. Für mich ist es dennoch das beste Casper-Album. Er hat sich stetig weiterentwickelt und schwebt nun irgendwo über den Genres. Gegen ein klassisches Hip-Hop-Album hätte ich auch nichts gehabt, aber man kann eben nicht alles haben. Markus Ganter und Konstantin Gropper haben im Producing einen tollen Job gemacht und man hört ihre Einflüsse spürbar raus. Ein großer Negativpunkt sind für mich die gesungenen Hooks. Teilweise wirkt das sehr atonal und ich habe eher leiser als lauter gedreht. Das ist einfach nicht Caspers Metier und das ist auch in Ordnung, wenn es nicht zum Motiv eines Albums wird. Außerdem wirkt alles sehr gleich (wobei ich das Wort nur aus Ermangelung eines besseren Adjektivs benutze). Positiv gewendet kann man das abgerundet nennen, negativ gesehen vielleicht langweilig. Außer La Rue Morgue passt das alles zusammen – und ich frage mich ein bisschen, ob man daraus theoretisch nicht auch ’ne EP hätte machen können. Das liegt vor allem auch an der textlichen Nähe der einzelnen Songs, die vermutlich im Ganzen betrachtet eine Geschichte erzählen sollen, dadurch aber auch lyrisch austauschbar wirken. Vielleicht bin ich an dieser Stelle aber zu streng, denn wenn Kollegah auf seinen Alben einfach nur über Drogen und Gangstershit rappt, feier ich das auch, weil es wie ein akustischer Actionfilm ist.

Davon abgesehen trifft Casper aber den berühmten Nerv der Zeit. Ich habe das Album momentan auf Dauerrotation und Ende des Jahres wird es sicherlich in meiner Liste der besten Alben 2013 zu finden sein.

„Hinterland“ ist dementsprechend ein Album, das man sich kaufen sollte, denn es birgt einige Perlen, die man auch in einigen Jahren noch hören kann. Eine neue Ära begründet es nicht.

4/5

 

Dobie – We Will Not Harm You

5021392223896Erstveröffentlichung: 4. Februar 2013
Label: Big Dada/Ninja Tune/Rough Trade
Format: CD/LP/Download

Neue Musik aus dem Hause Ninja Tune! Immer gut eigentlich. In diesem Fall handelt es sich um den jungen Herren namens Dobie, der mir – Schande über mein Haupt – vorher noch gar nicht bekannt war. Das ist schon ziemlich kurios, denn wie auf www.ninjatune.net steht, hat er an den ersten beiden Soul II Soul-Alben mitgearbeitet und später u.a. Björk, Massive Attack und Gangstarr geremixed. Nebenbei soll er außerdem ein toller Skatefotograf sein. Klingt sympathisch, der Mann.

Pluspunkte schon vor dem ersten Hördurchlauf für das gelungene Cover. Das kann ich mir sowohl in meinem CD-Regal als auch als Poster an meiner Wand gut vorstellen. Sofort beschlich mich das wohlige Gefühl, eine tolle Trip- oder Hip-Hop-Platte hören zu dürfen.

Nun denn. Insgesamt liefert Dobie genau das auch ab. Das ist ein Album, das ich sicherlich noch das ein oder andere Mal hören werde. Es gibt einige echte Perlen (The ChantShe Moans), die ich mir direkt mehrmals zu Gemüte geführt habe. Ansonsten ist We Will Not Harm You ein solides Machwerk, das eine tolle Stimmung kreiert, mir allerdings häufig zu aufgeregt daher kommt. Das ist vor allem zu Beginn des Albums so, etwa bei Blip 124. Vielleicht ist es einfach einer Stimmung geschuldet, dass ich dieses Hibbelige im Moment nicht so gutheiße. Nach The Chant (dem sechsten von 13 Songs), einem absoluten Höhepunkt, geht es leider etwas bergab und übrig bleibt eine Scheibe, die man nicht schlecht finden kann. Vier oder gar fünf Punkte möchte ich irgendwie aber auch nicht rausrücken.

Hier ist der Deal: ich werde mir We Will Not Harm You in einigen Monaten noch mal ausgiebig vorknöpfen und sehen, ob sich diese ersten Impressionen bestätigen oder nicht. Denn das Fazit: tolles Album, aber trotzdem nur drei Punkte liest sich sowohl paradox, als auch unbefriedigend.

3/5