Egoland – Antination

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Erstveröffentlichung: 11. Oktober 2013
Label: Egoland Musik
Formate: CD/Download

Wenn sich Atzenkalle, Furious und Lucry zu einer Kollabo entschließen, ist das erst mal überraschend. Vor ca. einem Jahr veröffentlichten die drei Buben zusammen mit Main Moe das Video zum Song „Taub“, das sofort auf wohlwollende Kritiken stieß. So gründeten sie also ein Label, schlossen sich ins Studio ein und präsentierten letzte Woche ihr Erstlingswerk „Antination“ (der Titel ließ erstmal das Herz der antinationalistischen Verfasserin höher schlagen; dann stellte sie allerdings fest, dass es keinen konkreten politischen Hintergrund hat…aber das nur nebenbei).

Da ich ein glühender RaM-Fan bin, war ich vor allem gespannt, wie Atzenkalle auf dem Beat klingen würde. Und die Erkenntnis: das klappt. Und zwar richtig gut. Im direkten Vergleich zu einem erfahrenen Rapper wie Furious hört man natürlich noch die ein oder andere Unzulänglichkeit heraus, aber das klingt dennoch wirklich ansprechend.

Mit Gruppenzwang läutet Egoland das Album schon mal selbstironisch ein. Die drei kotzen sich über die jeweils anderen zwei Crewmitglieder aus – wobei sie hierbei nur die eh schon bekannte Außenwahrnehmung aufgreifen (Furious ist ein erfolgloser Trueschooler, Atzenkalle ist ein Mädchen etc.). Der Song geht gut nach vorne, was vor allem am Beat liegt, der wirklich ein Knaller ist.

Hollywood und Kleine Dinge bestätigen den guten ersten Eindruck. Dank der oldschoolesken Beats könnte ich mir die beiden Tracks extrem gut als Radiomusik bei GTA vorstellen. Bei Ego dann die erste kleine Enttäuschung: Was soll das Gitarrenriff da? Ohne despektierlich klingen zu wollen: Das hat mich ein bisschen an das Pokémon Thema erinnert, wo man sich dank der Gitarrenmelodie wie ein Rockstar fühlen durfte. Außerdem markant: „Wir sind dir zu böse? Warum liebst du keine Möse?“ Wenn das eine Anspielung auf Xavas ist, feier ich das extrem. Um es also zusammenzufassen: Ohne diese Gitarre, auf die ich mich ein bisschen eingeschossen habe, ist das ein Bombentrack. Vor allem die Hook.

Interludes braucht man normalerweise eigentlich nicht großartig besprechen, aber Antinación ist verdammt noch mal geil! Das gleiche gilt für Egolán. Das dürfte wohl auf Lucrys Kappe gehen. Danke dafür!

In den letzten Reviews haben wir ja eine Art Naturgesetz entdeckt, nämlich, dass die meisten Alben in der Mitte eher Luft holen und die Songs dementsprechend schwächer sind. Egoland scheint das egal zu sein. Die liefern in der Albummitte mit Bester Feind und Ausgeloggt die besten Songs der Platte. Ausgeloggt gehört für meinen Geschmack außerdem in jeden Deutschrap-Jahresrückblick 2013. Den Track könnte ich mir den ganzen Tag anhören. Hier ergänzen sich die drei stilistisch perfekt und alles wirkt rund.

Am Tisch Nebenan ist ebenfalls gut, aber nicht so gut wie die zwei Vorgänger (das Arctic Monkeys-Dilemma: einen guten Song diskutieren, der sofort schlecht wirkt, weil er als nicht so gut wie zwei andere Songs bezeichnet wird: Er ist trotzdem gut, nicht falsch verstehen). Das Gleiche lässt sich zu Dein letzter Song sagen. Und auch zu Superman. Die Beatauswahl trifft auch hier genau ins Schwarze, die Lyrics sind anspruchsvoll, aber nicht pathetisch (siehe als Gegenbeispiel: Casper).

Dann ziehen sie auf einmal noch mal richtig an: Wahr&Schön ist ein Track auf dem Niveau von Bester Feind und Ausgeloggt. „Im wahren Leben gibt es kein Strg+Z“. Ja! Die Dubstepeinlagen in der Hook passen gut rein, auch wenn sie einen krassen musikalischen Gegensatz zu den pianolastigen Instrumentals in den Parts bilden. Ich empfehle, diesen Song im Bus zu hören, wenn es draußen regnet. Ich fahre zwar nicht Bus, stelle mir das aber sehr schön vor. Es folgt Egolán, wozu ich schon etwas gesagt habe. Danach schließlich Die Geschichte der Wackness, ein Song, der im Vorfeld schon für Aufsehen sorgte, denn die Szene liebt Szenekritik. Es wird minutiös analysiert, was im Deutschrap eigentlich falsch läuft. Sie haben mit allem recht. Leider fehlt der letzte Kick im Song. Da hätte man mehr rausholen können in puncto Aggressivität, vielleicht auch pointierter Punchlines. Alles besser ist ein Song, den ich mir für die Zeit nach dem Studium aufheben werde. Als Sozialwissenschaftlerin hat man ja nicht so glorreiche Zukunftsaussichten. Meinen Eltern sage ich dann, dass ich Rapper werde („Mach dir keine Sorgen Mama, jetzt wird alles besser“). Party/Frühstück ist thematisch zwar ansprechend, gefällt mir aber dennoch nicht so richtig. Das ist der einzige Beat, der mich nicht so recht anspricht. Auch das „Party Party Party Frühstück“ geht mir etwas auf die Nerven. Schade. Muss ich zu Taub noch irgendetwas sagen? Den Track kennt wahrscheinlich eh schon jeder. Ich hoffe, dass sich alle Youtube-Kiddies mit vermeintlicher „Ahnung vom Rap“ tatsächlich angesprochen fühlen, denn sie haben ein paar verbale Ohrfeigen verdient. Liquit Walker, Battleboi Basti (mit normaler Stimme und ohne Brille!), Rino Mandingo und Damion Davis sind hier die Featuregäste. Nuff said. Guter Song.

 Trotzdem habe ich etwas auszusetzen. Die heute veröffentlichte Review auf meinrap.de fasst meine eigene Kritik recht gut zusammen und deswegen möchte ich sie hier an dieser Stelle zitieren:

Was Atzenkalle gravierend an Technik und stimmlicher Dynamik mangelt, gleicht ein reimversierter Furious halbwegs aus. Der Realkeeper wiederum lässt seine Lines nach wie vor mit einer verkrampften Coolness vom Stapel, die vor allem Songs wie “Wahr & Schön” leidlich Abbruch tut. Lucry hingegen zeigt seine musikalischen Erfahrungen und Talente auch fernab der Beats, doch fehlt es seinen Lyrics großteilig einfach an Lässigkeit. Sprich zwischen den Bällen, die sich die Rapper zuspielen, verhungert immer wieder einer auf halber Strecke, was die Jonglage der Gegensätze tragischerweise nicht rund und damit nicht überzeugend wirken lässt.“ (hier die Review

Dazu muss ich jedoch sagen, dass das dramatischer klingt, als es eigentlich ist, denn alle angesprochenen Punkte lassen sich relativ leicht ausmerzen. Wenn man bedenkt, wie unfassbar krass sich Atzenkalle entwickelt hat und wie gut er auf die ganzen Beats kommt, ist es nicht unrealistisch, wenn ich jetzt sage, dass ich glaube, dass er auf dem nächsten Album sehr viel mehr Stimmvariationen bieten kann. Es klingt teilweise eben noch etwas nach Acapella-Runde im King-Finale bei Rap am Mittwoch. Vergleicht man aber dieses Album mit seinen Vorrunden gegen egal wen, liegen da Welten zwischen.

Bei Furious und Lucry schließlich ist es letztlich eine Frage der Attitüde. Alle drei haben in Interviews betont, dass sie in der Kollaboration auf keinen Fall ihren eigenen Stil verlieren wollen. Verständlich. Jedoch wirkt der Sound von „Antination“ dadurch an einigen Stellen etwas sperrig. Wenn die Grenzen da etwas aufgeweicht werden, ist das nächste Release ein 5-Sterne-Album. Die Beatauswahl und Lyrics sind jedenfalls schon jetzt erstklassig. Chapeau!

4/5

 

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